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Donnerstag, 22. Januar 2015

1. Akt siebte Szene Kabale und Liebe

Personen

  • Präsident
  • Wurm
  • Ferdinand

Inhalt 

Der Präsident eröffnet seinem Sohn Ferdinand seine Pläne. Er gibt ihm zu verstehen das er durch die Heirat mit der Lady Milford große Vorteile zu erwarten hat. Ferdinand gibt ihm aber klar zu verstehen, dass seine Vorstellungen über Machtgewinn und Emporkommen nicht denen von seinem Vater entsprechen und das ihm diese Form des Gewinn nicht viel bedeutet. Der Präsident versucht Ferdinand die Verbindung nach allen Regeln der Kunst schmackhaft zu machen. Ferdinand setzt sich verbal zur Wehr. Schließlich setzt der Vater dem Hin und Her ein Ende und fordert Ferdinand auf zur Lady Mildford zu gehen, sonst hätte er viel Zorn zu erleiden. 


Interpretation

In dieser Szene lernt der Zuschauer die Beziehung zwischen Vater und Sohn kennen. Man erfährt auch, dass Ferdinands Liebe zu Luise so aufrichtig ist, dass er diese sogar vor seinem mächtigen Vater verteidigt. Jedoch kann er sich nicht gegen die Macht seines Vaters behaupten. Dieser droht ihm stark, will das er sich mit Lady Milford trifft. Ferdinand ist seinem Vater gegenüber teilweise auch frech, so fordert er ihn auf die Dame doch selbst zu ehelichen. 

SIEBENTE SZENE

Ferdinand. Der Präsident. Wurm, welcher gleich abgeht.
FERDINAND: Sie haben befohlen, gnädiger Herr Vater –
PRÄSIDENT: Leider muss ich das, wenn ich meines Sohns einmal froh werden will – Lass Er uns allein, Wurm. – Ferdinand, ich beobachte dich schon eine Zeit lang und finde die offene rasche Jugend nicht mehr, die mich sonst so entzückt hat. Ein seltsamer Gram brütet auf deinem Gesicht – Du fliehst mich – du fliehst deine Zirkel – Pfui! – Deinen Jahren verzeiht man zehn Ausschweifungen vor einer einzigen Grille. Überlass diese mir, lieber Sohn. Mich lass an deinem Glück arbeiten, und denke auf nichts, als in meine Entwürfe zu spielen. – Komm! umarme mich, Ferdinand! [17]
FERDINAND: Sie sind heute sehr gnädig, mein Vater.
PRÄSIDENT: Heute, du Schalk – und dieses Heute noch mit der herben Grimasse? (Ernsthaft.) Ferdinand! – Wem zu lieb hab ich die gefährliche Bahn zum Herzen des Fürsten betreten? Wem zu lieb bin ich auf ewig mit meinem Gewissen und dem Himmel zerfallen? – Höre, Ferdinand – (Ich spreche mit meinem Sohn) – Wem hab ich durch die Hinwegräumung meines Vorgängers Platz gemacht – eine Geschichte, die desto blutiger in mein Inwendiges schneidet, je sorgfältiger ich das Messer der Welt verberge. Höre. Sage mir, Ferdinand: Wem tat ich dies alles?
FERDINAND (tritt mit Schrecken zurück): Doch mir nicht, mein Vater? Doch auf mich soll der blutige Widerschein dieses Frevels nicht fallen? Beim allmächtigen Gott! es ist besser, gar nicht geboren zu sein, als dieser Missetat zur Ausrede dienen.
PRÄSIDENT: Was war das? Was? Doch! ich will es dem Romanenkopfe zu gut halten – Ferdinand – ich will mich nicht erhitzen, vorlauter Knabe – Lohnst du mir also für meine schlaflosen Nächte? Also für meine rastlose Sorge? Also für den ewigen Skorpion meines Gewissens? – Auf mich fällt die Last der Verantwortung – auf mich der Fluch, der Donner des Richters – Du empfängst dein Glück von der zweiten Hand – das Verbrechen klebt nicht am Erbe.
FERDINAND (streckt die rechte Hand gen Himmel): Feierlich entsag ich hier einem Erbe, das mich nur an einen abscheulichen Vater erinnert.
PRÄSIDENT: Höre, junger Mensch, bringe mich nicht auf. – Wenn es nach deinem Kopf ginge, du kröchest dein Leben lang im Staube.
FERDINAND: Oh, immer noch besser, Vater, als ich kröch um den Thron herum.
PRÄSIDENT (verbeißt seinen Zorn): Hum! – Zwingen muss man dich, dein Glück zu erkennen. Wo zehn andre mit aller Anstrengung nicht hinaufklimmen, wirst du spielend, im Schlafe gehoben. Du bist im zwölften Jahre Fähndrich. Im zwanzigsten Major. Ich hab es durchgesetzt beim Fürsten. Du wirst die Uniform ausziehen und in das Ministerium eintreten. Der Fürst sprach vom Geheimenrat – Gesandtschaften – außerordentlichen Gnaden. Eine herrliche Aussicht dehnt sich vor dir. – Die ebene Straße zunächst nach dem Throne – zum Throne selbst, wenn anders die Gewalt so viel wert ist als ihr Zeichen – das begeistert dich nicht?
FERDINAND: Weil meine Begriffe von Größe und Glück nicht ganz die Ihrigen sind – Ihre Glückseligkeit macht sich nur selten [18] anders als durch Verderben bekannt. Neid, Furcht, Verwünschung sind die traurigen Spiegel, worin sich die Hoheit eines Herrschers belächelt. – Tränen, Flüche, Verzweiflung die entsetzliche Mahlzeit, woran diese gepriesenen Glücklichen schwelgen, von der sie betrunken aufstehen und so in die Ewigkeit vor den Thron Gottes taumeln – Mein Ideal von Glück zieht sich genügsamer in mich selbst zurück. In meinem Herzen liegen alle meine Wünsche begraben. –
PRÄSIDENT: Meisterhaft! Unverbesserlich! Herrlich! Nach dreißig Jahren die erste Vorlesung wieder! – Schade nur, dass mein fünfzigjähriger Kopf zu zäh für das Lernen ist! – Doch – dies seltne Talent nicht einrosten zu lassen, will ich dir jemand an die Seite geben, bei dem du dich in dieser buntscheckigen Tollheit nach Wunsch exerzieren kannst. – Du wirst dich entschließen – noch heute entschließen – eine Frau zu nehmen.
FERDINAND (tritt bestürzt zurück): Mein Vater?
PRÄSIDENT: Ohne Komplimente – Ich habe der Lady Milford in deinem Namen eine Karte geschickt. Du wirst dich ohne Aufschub bequemen, dahin zu gehen und ihr zu sagen, dass du ihr Bräutigam bist.
FERDINAND: Der Milford, mein Vater?
PRÄSIDENT: Wenn sie dir bekannt ist –
FERDINAND (außer Fassung): Welcher Schandsäule im Herzogtum ist sie das nicht! – Aber ich bin wohl lächerlich, lieber Vater, dass ich Ihre Laune für Ernst aufnehme? Würden Sie Vater zu dem Schurken Sohn sein wollen, der eine privilegierte Buhlerin heuratete?
PRÄSIDENT: Noch mehr. Ich würde selbst um sie werben, wenn sie einen Fünfziger möchte – Würdest du zu dem Schurken Vater nicht Sohn sein wollen?
FERDINAND: Nein! So wahr Gott lebt!
PRÄSIDENT: Eine Frechheit, bei meiner Ehre! die ich ihrer Seltenheit wegen vergebe –
FERDINAND: Ich bitte Sie, Vater! lassen Sie mich nicht länger in einer Vermutung, wo es mir unerträglich wird, mich Ihren Sohn zu nennen.
PRÄSIDENT: Junge, bist du toll? Welcher Mensch von Vernunft würde nicht nach der Distinktion geizen, mit seinem Landesherrn an einem dritten Orte zu wechseln?
FERDINAND: Sie werden mir zum Rätsel, mein Vater. Distinktion nennen Sie es – Distinktion, da mit dem Fürsten zu teilen, wo er auch unter den Menschen hinunterkriecht?
PRÄSIDENT (schlägt ein Gelächter auf). [19]
FERDINAND: Sie können lachen – und ich will über das hinweggehen, Vater. Mit welchem Gesicht soll ich unter den schlechtesten Handwerker treten, der mit seiner Frau wenigstens doch einen ganzen Körper zum Mitgift bekommt? Mit welchem Gesicht vor die Welt? Vor den Fürsten? Mit welchem vor die Buhlerin selbst, die den Brandflecken ihrer Ehre in meiner Schande auswaschen würde?
PRÄSIDENT: Wo in aller Welt bringst du das Maul her, Junge?
FERDINAND: Ich beschwöre Sie bei Himmel und Erde! Vater, Sie können durch diese Hinwerfung Ihres einzigen Sohnes so glücklich nicht werden, als Sie ihn unglücklich machen. Ich gebe Ihnen mein Leben, wenn das Sie steigen machen kann. Mein Leben hab ich von Ihnen; ich werde keinen Augenblick anstehen, es ganz Ihrer Größe zu opfern. – Meine Ehre, Vater – wenn Sie mir diese nehmen, so war es ein leichtfertiges Schelmenstück, mir das Leben zu geben, und ich muss den Vater wie den Kuppler verfluchen.
PRÄSIDENT (freundlich, indem er ihn auf die Achsel klopft): Brav, lieber Sohn. Jetzt seh ich, dass du ein ganzer Kerl bist und der besten Frau im Herzogtum würdig. – Sie soll dir werden – noch diesen Mittag wirst du dich mit der Gräfin von Ostheim verloben.
FERDINAND (aufs Neue betreten): Ist diese Stunde bestimmt, mich ganz zu zerschmettern?
PRÄSIDENT (einen lauernden Blick auf ihn werfend): Wo doch hoffentlich deine Ehre nichts einwenden wird?
FERDINAND: Nein, mein Vater. Friederike von Ostheim könnte jeden andern zum Glücklichsten machen. (Vor sich in höchster Verwirrung.) Was seine Bosheit an seinem Herzen noch ganz ließ, zerreißt seine Güte.
PRÄSIDENT (noch immer kein Aug von ihm wendend): Ich warte auf deine Dankbarkeit, Ferdinand –
FERDINAND (stürzt auf ihn zu und küsst ihm feurig die Hand): Vater! Ihre Gnade entflammt meine ganze Empfindung – Vater! meinen heißesten Dank für Ihre herzliche Meinung – Ihre Wahl ist untadelhaft – aber – ich kann – ich darf – Bedauern Sie mich – Ich kann die Gräfin nicht lieben.
PRÄSIDENT (tritt einen Schritt zurück): Holla! Jetzt hab ich den jungen Herrn. Also in diese Falle ging er, der listige Heuchler – Also es war nicht die Ehre, die dir die Lady verbot? – Es war nicht die Person, sondern die Heurat, die du verabscheutest? –
FERDINAND (steht zuerst wie versteinert, dann fährt er auf und will fortrennen). [20]
PRÄSIDENT: Wohin? Halt! Ist das der Respekt, den du mir schuldig bist? (Der Major kehrt zurück.) Du bist bei der Lady gemeldet. Der Fürst hat mein Wort. Stadt und Hof wissen es richtig. – Wenn du mich zum Lügner machst, Junge – vor dem Fürsten – der Lady – der Stadt – dem Hof mich zum Lügner machst – Höre, Junge – oder wenn ich hinter gewisse Historien komme! – Halt! Holla! Was bläst so auf einmal das Feuer in deinen Wangen aus?
FERDINAND (schneeblass und zitternd): Wie? Was? Es ist gewiss nichts, mein Vater!
PRÄSIDENT (einen fürchterlichen Blick auf ihn heftend): Und wenn es was ist – und wenn ich die Spur finden sollte, woher diese Widersetzlichkeit stammt – – Ha, Junge! der bloße Verdacht schon bringt mich zum Rasen. Geh den Augenblick. Die Wachtparade fängt an. Du wirst bei der Lady sein, sobald die Parole gegeben ist – Wenn ich auftrete, zittert ein Herzogtum. Lass doch sehen, ob mich ein Starrkopf von Sohn meistert. (Er geht und kommt noch einmal wieder.) Junge, ich sage dir, du wirst dort sein, oder fliehe meinen Zorn. (Er geht ab.)
FERDINAND (erwacht aus einer dumpfen Betäubung): Ist er weg? War das eines Vaters Stimme? – Ja! ich will zu ihr – will hin – will ihr Dinge sagen, will ihr einen Spiegel vorhalten – Nichtswürdige! und wenn du auch noch dann meine Hand verlangst – Im Angesicht des versammelten Adels, des Militärs und des Volks – Umgürte dich mit dem ganzen Stolz deines Englands – Ich verwerfe dich – ein teutscher Jüngling! (Er eilt hinaus.)

Mittwoch, 21. Januar 2015

2. Akt erste Szene Kabale und Liebe

Personen

  • Lady
  • Sophie

Inhalt 


Lady Milfrod spricht mit ihrer Zofe Sophie. Sie eröffnet ihr, dass sie die Beziehung mit dem Fürst nur aus Gründen der Macht eingegangen ist und das ihr Herz in Wahrheit jemand anders gehört. Sie gibt Sophie zu verstehen, dass sie gar nicht so sehr zu bewundern wäre wie die anderen Menschen allgemein annehmen, sondern das es nicht einfach sei mit dem mächtigsten Mann zusammen zu sein.


Interpretation

In dieser Szene lernt der Zuschauer die Lady Milford kennen, welche bereits im ersten Akt häufig Gegenstand von Diskussionen war. Sie ist ein Gegenentwurf zu Luise, eine durchdachte und reife Frau. Die Lady hat sich strategisch klug mit dem Fürsten eingelassen und hat so große Macht. Der Fürst ist der mächtigste Mann im Land und Lady Milford weiß sehr gut über ihre Vorteile aus dieser Beziehung Bescheid.


Ein Saal im Palais der Lady Milford; zur rechten Hand steht ein Sofa, zur linken ein Flügel.

ERSTE SZENE

Lady, in einem freien, aber reizenden Negligé, die Haare noch unfrisiert, sitzt vor dem Flügel und phantasiert; Sophie, die Kammerjungfer, kommt von dem Fenster.
SOPHIE: Die Offiziers gehen auseinander. Die Wachparade ist aus – aber ich sehe noch keinen Walter.
LADY (sehr unruhig, indem sie aufsteht und einen Gang durch den Saal macht): Ich weiß nicht, wie ich mich heute finde, Sophie – Ich bin noch nie so gewesen – Also du sahst ihn gar nicht? – Freilich wohl – Es wird ihm nicht eilen – Wie ein Verbrechen liegt es auf meiner Brust – Geh, Sophie – Man soll mir den wildesten Renner herausführen, der im Marstall ist. Ich muss ins Freie – Menschen sehen und blauen Himmel und mich leichter reiten ums Herz herum.
SOPHIE: Wenn Sie sich unpässlich fühlen, Mylady – berufen Sie Assemblée hier zusammen. Lassen Sie den Herzog hier Tafel halten, oder die L’hombretische vor Ihren Sofa setzen. Mir sollte der Fürst und sein ganzer Hof zu Gebote stehn und eine Grille im Kopfe surren?
LADY (wirft sich in den Sofa): Ich bitte, verschone mich. Ich gebe dir einen Demant für jede Stunde, wo ich sie mir vom Hals schaffen kann. Soll ich meine Zimmer mit diesem Volk tapezieren? – Das sind schlechte erbärmliche Menschen, die sich entsetzen, wenn mir ein warmes herzliches Wort entwischt, Mund und Nasen aufreißen, als sähen sie einen Geist – Sklaven eines einzigen Marionettendrahts, den ich leichter als mein Filet regiere. – Was fang’ ich mit Leuten an, deren Seelen so gleich als ihre Sackuhren gehen? Kann ich eine Freude dran finden, sie was zu fragen, wenn ich voraus weiß, was sie mir antworten werden? Oder Worte mit ihnen zu wechseln, wenn sie das Herz nicht haben, andrer Meinung als ich zu sein? – Weg mit ihnen! Es ist verdrüsslich, ein Ross zu reiten, das nicht auch in den Zügel beißt. (Sie tritt zum Fenster.)
SOPHIE: Aber den Fürsten werden Sie doch ausnehmen, Lady? Den schönsten Mann – den feurigsten Liebhaber – den witzigsten Kopf in seinem ganzen Lande! [22]
LADY (kommt zurück): Denn es ist sein Land – und nur ein Fürstentum, Sophie, kann meinem Geschmack zur erträglichen Ausrede dienen – Du sagst, man beneide mich. Armes Ding! Beklagen soll man mich vielmehr. Unter allen, die an den Brüsten der Majestät trinken, kommt die Favoritin am schlechtesten weg, weil sie allein dem großen und reichen Mann auf dem Bettelstabe begegnet – Wahr ist’s, er kann mit dem Talisman seiner Größe jeden Gelust meines Herzens, wie ein Feenschloss, aus der Erde rufen. – Er setzt den Saft von zwei Indien auf die Tafel – ruft Paradiese aus Wildnissen – lässt die Quellen seines Landes in stolzen Bögen gen Himmel springen, oder das Mark seiner Untertanen in einem Feuerwerk hinpuffen – – Aber kann er auch seinem Herzen befehlen, gegen ein großes, feuriges Herz groß und feurig zu schlagen? Kann er sein darbendes Gehirn auf ein einziges schönes Gefühl exequieren? – Mein Herz hungert bei all dem Vollauf der Sinne, und was helfen mich tausend bessre Empfindungen, wo ich nur Wallungen löschen darf?
SOPHIE (blickt sie verwundernd an): Wie lang ist es denn aber, dass ich Ihnen diene, Mylady?
LADY: Weil du erst heute mit mir bekannt wirst? – Es ist wahr, liebe Sophie – ich habe dem Fürsten meine Ehre verkauft, aber mein Herz habe ich frei behalten – ein Herz, meine Gute, das vielleicht eines Mannes noch wert ist – über welches der giftige Wind des Hofes nur wie der Hauch über den Spiegel ging – Trau es mir zu, meine Liebe, dass ich es längst gegen diesen armseligen Fürsten behauptet hätte, wenn ich es nur von meinem Ehrgeiz erhalten könnte, einer Dame am Hof den Rang vor mir einzuräumen.
SOPHIE: Und dieses Herz unterwarf sich dem Ehrgeiz so gern?
LADY (lebhaft): Als wenn es sich nicht schon gerächt hätte! – Nicht jetzt noch rächte! – Sophie! (Bedeutend, indem sie die Hand auf Sophiens Achsel fallen lässt.) Wir Frauenzimmer können nur zwischen Herrschen und Dienen wählen, aber die höchste Wonne der Gewalt ist doch nur ein elender Behelf, wenn uns die größere Wonne versagt wird, Sklavinnen eines Mannes zu sein, den wir lieben.
SOPHIE: Eine Wahrheit, Mylady, die ich von Ihnen zuletzt hören wollte!
LADY: Und warum, meine Sophie? Sieht man es denn dieser kindischen Führung des Zepters nicht an, dass wir nur für das Gängelband taugen? Sahst du es denn diesem launischen Flattersinn nicht an – diesen wilden Ergötzungen nicht an, dass sie nur wildere Wünsche in meiner Brust überlärmen sollten? [23]
SOPHIE (tritt erstaunt zurück): Lady!
LADY (lebhafter): Befriedige diese! Gib mir den Mann, den ich jetzt denke – den ich anbete – sterben, Sophie, oder besitzen muss. (Schmelzend.) Lass mich aus seinem Mund es vernehmen, dass Tränen der Liebe schöner glänzen in unsern Augen, als die Brillanten in unserm Haar, (feurig) und ich werfe dem Fürsten sein Herz und sein Fürstentum vor die Füße, fliehe mit diesem Mann, fliehe in die entlegenste Wüste der Welt – –
SOPHIE (blickt sie erschrocken an): Himmel! Was machen Sie? Wie wird Ihnen, Lady?
LADY (bestürzt): Du entfärbst dich? – Hab' ich vielleicht etwas zu viel gesagt? O so lass mich deine Zunge mit meinem Zutrauen binden – höre noch mehr – höre alles –
SOPHIE (schaut sich ängstlich um): Ich fürchte, Mylady – ich fürchte – ich brauch es nicht mehr zu hören.
LADY: Die Verbindung mit dem Major – Du und die Welt stehen im Wahn, sie sei eine Hofkabale – Sophie – erröte nicht – schäme dich meiner nicht – sie ist das Werk – meiner Liebe.
SOPHIE: Bei Gott! Was mir ahndete!
LADY: Sie ließen sich beschwatzen, Sophie – der schwache Fürst – der hofschlaue Walter – der alberne Marschall – Jeder von ihnen wird darauf schwören, dass diese Heurat das unfehlbarste Mittel sei, mich dem Herzog zu retten, unser Band um so fester zu knüpfen. – Ja! es auf ewig zu trennen! auf ewig diese schändlichen Ketten zu brechen! – Belogene Lügner! Von einem schwachen Weib überlistet! Ihr selbst führt mir jetzt meinen Geliebten zu. Das war es ja nur, was ich wollte – Hab ich ihn einmal – hab ich ihn – o dann auf immer gute Nacht, abscheuliche Herrlichkeit –

Dienstag, 20. Januar 2015

2. Akt zweite Szene Kabale und Liebe

Personen

  • Lady
  • Sophie
  • Diener

Inhalt 


Der Kammerdiener bringt Lady Milford kostbare Steine. Sie fragt nach der Herkunft dieser Steine und der Kammerdiener berichtet, dass dafür 7000 Soldaten verkauft worden sind. Er selbst ist sehr ergriffen, da auch ein Mitglied seiner Familie beteiligt ist. Lady Milford ist sehr ergriffen, weil sie von all diesen Dingen nichts mitbekommen hat. Sie bringt ihr Entsetzten zum Ausdruck, dass zahlreiche der Protestierenden erschossen worden sind. Sie möchte dem Kammerdiener, der ihr die Wahrheit sagte, Geld geben, doch der ist abfällig und lehnt ab. Die Lady beauftragt Sophie den Namen des Dieners herauszufinden, sodass dieser seine Söhne wieder bekommen kann. Sie möchte die wertvollen Steine einsetzen, um 400 verarmte Familien zu unterstützen.
Schließlich kommt der Major und Lady Milford ist verunsichert.

Interpretation

Am Ende der Szene kann man deutlich ablesen wie sehr Lady Milford in Ferdinand verliebt ist. Sie beginnt zu stottern und überlegt ihn nicht zu empfangen. 

Ein weiteres wichtiges Thema kommt durch das Gespräch des Kammerdiener mit der Lady Milford auf die Bühne: Soldatenhandel. Dieser Umstand blieb der privilegierten Lady Milford sonst verborgen. Sie wusste ebenfalls nichts von den zahlreichen Demonstranten, deren Widerstand mit Gewalt nieder geschlagen wurde. Durch diesen Umstand macht Schiller zum Einen auf das Phänomen des Soldatenhandels aufmerksam, zum anderen verdeutlicht er den Abstand, den die herrschenden Schichten zu ihren Untergebenen und den Ereignissen im Land hatten. 



ZWEITE SZENE

Ein alter Kammerdiener des Fürsten, der ein Schmuckkästchen trägt. Die Vorigen.
KAMMERDIENER: Seine Durchlaucht der Herzog empfehlen sich Mylady zu Gnaden und schicken Ihnen diese Brillanten zur Hochzeit. Sie kommen so eben erst aus Venedig.
LADY (hat das Kästchen geöffnet und fährt erschrocken zurück): Mensch! was bezahlt dein Herzog für diese Steine?
KAMMERDIENER (mit finsterm Gesicht): Sie kosten ihn keinen Heller.
LADY: Was? Bist du rasend? Nichts? – und (indem sie einen [24] Schritt von ihm wegtritt) du wirfst mir ja einen Blick zu, als wenn du mich durchbohren wolltest – Nichts kosten ihn diese unermesslich kostbaren Steine?
KAMMERDIENER: Gestern sind siebentausend Landskinder nach Amerika fort – Die zahlen alles.
LADY (setzt den Schmuck plötzlich nieder und geht rasch durch den Saal, nach einer Pause zum Kammerdiener): Mann, was ist dir? Ich glaube, du weinst?
KAMMERDIENER (wischt sich die Augen, mit schrecklicher Stimme, alle Glieder zitternd): Edelsteine wie diese da – ich hab' auch ein paar Söhne drunter.
LADY (wendet sich bebend weg, seine Hand fassend): Doch keinen Gezwungenen?
KAMMERDIENER (lacht fürchterlich): O Gott – Nein – lauter Freiwillige. Es traten wohl so etliche vorlaute Bursch’ vor die Front heraus und fragten den Obersten, wie teuer der Fürst das Joch Menschen verkaufe? – Aber unser gnädigster Landesherr ließ alle Regimenter auf dem Paradeplatz aufmarschieren und die Maulaffen niederschießen. Wir hörten die Büchsen knallen, sahen ihr Gehirn auf das Pflaster sprützen, und die ganze Armee schrie: Juchhe nach Amerika! –
LADY (fällt mit Entsetzen in den Sofa): Gott! Gott! – Und ich hörte nichts? Und ich merkte nichts?
KAMMERDIENER: Ja, gnädige Frau – Warum musstet ihr denn mit unserm Herrn gerad auf die Bärenhatz reiten, als man den Lärmen zum Aufbruch schlug? – Die Herrlichkeit hättet ihr doch nicht versäumen sollen, wie uns die gellenden Trommeln verkündigten, es ist Zeit, und heulende Waisen dort einen lebendigen Vater verfolgten, und hier eine wütende Mutter lief, ihr saugendes Kind an Bajonetten zu spießen, und wie man Bräutigam und Braut mit Säbelhieben auseinander riss, und wir Graubärte verzweiflungsvoll dastanden und den Burschen auch zuletzt die Krücken noch nachwarfen in die Neue Welt – Oh, und mitunter das polternde Wirbelschlagen, damit der Allwissende uns nicht sollte beten hören –
LADY (steht auf, heftig bewegt): Weg mit diesen Steinen – sie blitzen Höllenflammen in mein Herz. (Sanfter zum Kammerdiener.) Mäßige dich, armer alter Mann. Sie werden wieder kommen. Sie werden ihr Vaterland wieder sehen.
KAMMERDIENER (warm und voll): Das weiß der Himmel! Das werden sie! – Noch am Stadttor drehten sie sich um und schrien: »Gott mit euch, Weib und Kinder – Es leb unser Landesvater – Am Jüngsten Gericht sind wir wieder da!« – [25]
LADY (mit starkem Schritt auf und nieder gehend): Abscheulich! Fürchterlich! – Mich beredet man, ich habe sie alle getrocknet, die Tränen des Landes – Schrecklich, schrecklich gehen mir die Augen auf – Geh du – Sag deinem Herrn – Ich werd ihm persönlich danken! (Kammerdiener will gehen, sie wirft ihm ihre Geldbörse in den Hut.) Und das nimm, weil du mir Wahrheit sagtest –
KAMMERDIENER (wirft sie verächtlich auf den Tisch zurück): Legt’s zu dem Übrigen. (Er geht ab.)
LADY (sieht ihm erstaunt nach): Sophie, spring ihm nach, frag ihn um seinen Namen. Er soll seine Söhne wieder haben. (Sophie ab. Lady nachdenkend auf und nieder. Pause. Zu Sophien, die wiederkommt.) Ging nicht jüngst ein Gerüchte, dass das Feuer eine Stadt an der Grenze verwüstet und bei vierhundert Familien an den Bettelstab gebracht habe?(Sie klingelt.)
SOPHIE: Wie kommen Sie auf das? Allerdings ist es so, und die mehresten dieser Unglücklichen dienen jetzt ihren Gläubigern als Sklaven oder verderben in den Schachten der fürstlichen Silberbergwerke.
BEDIENTER (kommt): Was befehlen Mylady?
LADY (gibt ihm den Schmuck): Dass das ohne Verzug in die Landschaft gebracht werde! – Man soll es sogleich zu Geld machen, befehl ich, und den Gewinst davon unter die Vierhundert verteilen, die der Brand ruiniert hat.
SOPHIE: Mylady, bedenken Sie, dass Sie die höchste Ungnade wagen.
LADY (mit Größe): Soll ich den Fluch seines Landes in meinen Haaren tragen? (Sie winkt dem Bedienten; dieser geht.) Oder willst du, dass ich unter dem schrecklichen Geschirr solcher Tränen zu Boden sinke? – Geh, Sophie – Es ist besser, falsche Juwelen im Haar und das Bewusstsein dieser Tat im Herzen zu haben.
SOPHIE: Aber Juwelen wie diese! Hätten Sie nicht Ihre schlechtern nehmen können? Nein, wahrlich, Mylady! es ist Ihnen nicht zu vergeben.
LADY: Närrisches Mädchen! Dafür werden in einem Augenblick mehr Brillanten und Perlen für mich fallen, als zehen Könige in ihren Diademen getragen, und schönere –
BEDIENTER (kommt zurück): Major von Walter –
SOPHIE (springt auf die Lady zu): Gott! Sie verblassen –
LADY: Der erste Mann, der mir Schrecken macht – Sophie – Ich sei unpässlich, Eduard – Halt – Ist er aufgeräumt? Lacht er? Was spricht er? O Sophie! Nicht wahr, ich sehe hässlich aus?
SOPHIE: Ich bitte Sie, Lady –
BEDIENTER: Befehlen Sie, dass ich ihn abweise? [26]
LADY (stotternd): Er soll mir willkommen sein. (Bedienter hinaus.) Sprich, Sophie – Was sag ich ihm? Wie empfang ich ihn? – Ich werde stumm sein. – Er wird meiner Schwäche spotten – Er wird – o was ahndet mir – Du verlässest mich, Sophie? – Bleib – Doch nein! Gehe! – So bleib doch. (Der Major kommt durch das Vorzimmer.)
SOPHIE: Sammeln Sie sich. Er ist schon da.

Montag, 19. Januar 2015

2. Akt dritte Szene Kabale und Liebe

Personen

  • Lady Milford
  • Ferdinand

Inhalt 
Ferdinand verkündet Lady Milford, dass er sie auf Wunsch seines Vaters heiraten wird. Sie berichtet ihm von ihrem Leben, dass sie die Tochter des obersten Kämmerer aus dem Geschlecht der Norforg ist. Ihr Vater wurde hingerichtet, weil er im Verdacht stand ein Verräter gewesen zu sein. Sie kam dann nach Hamburg, bald schon mittellos und gelangte so zum Fürsten. Sie nahm ihm im Bett das Versprechen ab, dass das Morden aufhören muss. 
Schließlich offenbart sie Ferdinand ihre Zuneigung, dieser gesteht ihr offen seine Liebe zu Luise Miller. Darauf hin ist die Lady Milford außer sich vor seelischem Kummer und Schmerz. 



Interpretation

In dieser Szene lernen die Zuschauer Lady Milford näher kenne. Schiller macht deutlich, dass sie zur herrschenden Schicht gehört und das bereits seit ihrer Geburt. Sie ist somit eine echte Adelige und nicht irgendeine Mätresse des Fürsten. 

Lady Milfords Gefühle für Ferdinand sind nun nicht mehr zu verbergen. Sie zeigt offen, dass sie ihn sehr gerne mag und auch Gefühle für ihn hat. Dies wird besonders deutlich, als er ihr seine Gefühle für Luise gesteht. Hierbei wird auch klar, dass mit dem Privileg adelig zu sein auch einige Nachteile verbunden sind. Denn sie ist nicht nur voller Kummer darüber, dass er sie nicht liebt, sondern ist auch  noch darüber besorgt was die Leute von ihr denken, dass sie als Adelige durch ein Mädchen von bürgerlicher Herkunft verdrängt wurde.

DRITTE SZENE

Ferdinand von Walter. Die Vorigen.
FERDINAND (mit einer kurzen Verbeugung): Wenn ich Sie worin unterbreche, gnädige Frau –
LADY (unter merkbarem Herzklopfen): In nichts, Herr Major, das mir wichtiger wäre.
FERDINAND: Ich komme auf Befehl meines Vaters.
LADY: Ich bin seine Schuldnerin.
FERDINAND: Und soll Ihnen melden, dass wir uns heuraten – So weit der Auftrag meines Vaters.
LADY (entfärbt sich und zittert): Nicht Ihres eigenen Herzens?
FERDINAND: Minister und Kuppler pflegen das niemals zu fragen.
LADY (mit einer Beängstigung, dass ihr die Worte versagen): Und Sie selbst hätten sonst nichts beizusetzen?
FERDINAND (mit einem Blick auf die Mamsell): Noch sehr viel, Mylady.
LADY (gibt Sophien einen Wink, diese entfernt sich): Darf ich Ihnen diesen Sofa anbieten?
FERDINAND: Ich werde kurz sein, Milady.
LADY: Nun?
FERDINAND: Ich bin ein Mann von Ehre.
LADY: Den ich zu schätzen weiß.
FERDINAND: Kavalier.
LADY: Kein bessrer im Herzogtum.
FERDINAND: Und Offizier.
LADY (schmeichelhaft): Sie berühren hier Vorzüge, die auch andere mit Ihnen gemein haben. Warum verschweigen Sie größere, worin Sie einzig sind?
FERDINAND (frostig): Hier brauch ich sie nicht.
LADY (mit immer steigender Angst): Aber für was muss ich diesen Vorbericht nehmen? [27]
FERDINAND (langsam und mit Nachdruck): Für den Einwurf der Ehre, wenn Sie Lust haben sollten, meine Hand zu erzwingen.
LADY (auffahrend): Was ist das, Herr Major?
FERDINAND (gelassen): Die Sprache meines Herzens – meines Wappens – und dieses Degens.
LADY: Diesen Degen gab Ihnen der Fürst.
FERDINAND: Der Staat gab mir ihn durch die Hand des Fürsten – mein Herz Gott – mein Wappen ein halbes Jahrtausend.
LADY: Der Name des Herzogs –
FERDINAND (hitzig): Kann der Herzog Gesetze der Menschheit verdrehen, oder Handlungen münzen wie seine Dreier? – Er selbst ist nicht über die Ehre erhaben, aber er kann ihren Mund mit seinem Golde verstopfen. Er kann den Hermelin über seine Schande herwerfen. Ich bitte mir aus, davon nichts mehr, Mylady. – Es ist nicht mehr die Rede von weggeworfenen Aussichten und Ahnen – oder von dieser Degenquaste – oder von der Meinung der Welt. Ich bin bereit, dies alles mit Füßen zu treten, sobald Sie mich nur überzeugt haben werden, dass der Preis nicht schlimmer noch als das Opfer ist.
LADY (schmerzhaft von ihm weggehend): Herr Major! das hab ich nicht verdient.
FERDINAND (ergreift ihre Hand): Vergeben Sie. Wir reden hier ohne Zeugen. Der Umstand, der Sie und mich – heute und nie mehr – zusammenführt, berechtigt mich, zwingt mich, Ihnen mein geheimstes Gefühl nicht zurück zu halten. – Es will mir nicht zu Kopfe, Mylady, dass eine Dame von so viel Schönheit und Geist – Eigenschaften, die ein Mann schätzen würde – sich an einen Fürsten sollte wegwerfen können, der nur das Geschlecht an ihr zu bewundern gelernt hat, wenn sich diese Dame nicht schämte, vor einen Mann mit ihrem Herzen zu treten.
LADY (schaut ihm groß ins Gesicht): Reden Sie ganz aus.
FERDINAND: Sie nennen sich eine Britin. Erlauben Sie mir – ich kann es nicht glauben, dass Sie eine Britin sind. Die freigeborene Tochter des freiesten Volks unter dem Himmel – das auch zu stolz ist, fremder Tugend zu räuchern, – kann sich nimmermehr an fremdes Laster verdingen. Es ist nicht möglich, dass Sie eine Britin sind – oder das Herz dieser Britin muss um so viel kleiner sein, als größer und kühner Britanniens Adern schlagen.
LADY: Sind Sie zu Ende?
FERDINAND: Man könnte antworten, es ist weibliche Eitelkeit – Leidenschaft – Temperament – Hang zum Vergnügen. Schon [28] öfters überlebte Tugend die Ehre. Schon manche, die mit Schande in diese Schranke trat, hat nachher die Welt durch edle Handlungen mit sich ausgesöhnt und das hässliche Handwerk durch einen schönen Gebrauch geadelt – – Aber woher denn jetzt diese ungeheure Pressung des Landes, die vorher nie so gewesen? – Das war im Namen des Herzogtums. – Ich bin zu Ende.
LADY (mit Sanftmut und Hoheit): Es ist das erste Mal, Walter, dass solche Reden an mich gewagt werden, und Sie sind der einzige Mensch, dem ich darauf antworte – Dass Sie meine Hand verwerfen, darum schätz ich Sie. Dass Sie mein Herz lästern, vergebe ich Ihnen. Dass es Ihr Ernst ist, glaube ich Ihnen nicht. Wer sich herausnimmt, Beleidigungen dieser Art einer Dame zu sagen, die nicht mehr als eine Nacht braucht, ihn ganz zu verderben, muss dieser Dame eine große Seele zutrauen oder – von Sinnen sein – Dass Sie den Ruin des Landes auf meine Brust wälzen, vergebe Ihnen Gott der Allmächtige, der Sie und mich und den Fürsten einst gegeneinander stellt. – Aber Sie haben die Engländerin in mir aufgefordert, und auf Vorwürfe dieser Art muss mein Vaterland Antwort haben.
FERDINAND (auf seinen Degen gestützt): Ich bin begierig.
LADY: Hören Sie also, was ich, außer Ihnen, noch niemand vertraute, noch jemals einem Menschen vertrauen will. – Ich bin nicht die Abenteurerin, Walter, für die Sie mich halten. Ich könnte großthun und sagen: ich bin fürstlichen Geblüts – aus des unglücklichen Thomas Norfolks Geschlechte, der für die schottische Maria ein Opfer war – Mein Vater, des Königs oberster Kämmerer, wurde bezüchtigt, in verrätrischem Vernehmen mit Frankreich zu stehen, durch einen Spruch der Parlamente verdammt und enthauptet. – Alle unsre Güter fielen der Krone zu. Wir selbst wurden des Landes verwiesen. Meine Mutter starb am Tage der Hinrichtung. Ich – ein vierzehenjähriges Mädchen – flohe nach Teutschland mit meiner Wärterin – einem Kästchen Juwelen – und diesem Familienkreuz, das meine sterbende Mutter mit ihrem letzten Segen mir an den Busen steckte.
FERDINAND (wird nachdenkend und heftet wärmere Blicke auf die Lady).
LADY (fährt fort mit immer zunehmender Rührung): Krank – ohne Namen – ohne Schutz und Vermögen – eine ausländische Waise kam ich nach Hamburg. Ich hatte nichts gelernt als das bisschen Französisch – ein wenig Filet und den Flügel – desto besser verstund ich auf Gold und Silber zu speisen, unter damastenen Decken zu schlafen, mit einem Wink zehn Bediente fliegen zu machen und die Schmeicheleien der Großen Ihres Geschlechts [29] aufzunehmen. – Sechs Jahre waren schon hingeweint. – Und die letzte Schmucknadel flog dahin – Meine Wärterin starb – und jetzt führte mein Schicksal Ihren Herzog nach Hamburg. Ich spazierte damals an den Ufern der Elbe, sah in den Strom und fing eben an zu phantasieren, ob dieses Wasser oder mein Leiden das Tiefste wäre? – Der Herzog sah mich, verfolgte mich, fand meinen Aufenthalt, – lag zu meinen Füßen und schwur, dass er mich liebe. (Sie hält in großen Bewegungen inne, dann fährt sie fort mit weinender Stimme.) Alle Bilder meiner glücklichen Kindheit wachten jetzt wieder mit verführendem Schimmer auf – Schwarz wie das Grab graute mich eine trostlose Zukunft an – Mein Herz brannte nach einem Herzen – Ich sank an das seinige. (Von ihm wegstürzend.). Jetzt verdammen Sie mich!
FERDINAND (sehr bewegt, eilt ihr nach und hält sie zurück): Lady! o Himmel! Was hör ich? Was tat ich? – Schrecklich enthüllt sich mein Frevel mir. Sie können mir nicht mehr vergeben.
LADY (kommt zurück und hat sich zu sammeln gesucht): Hören Sie weiter. Der Fürst überraschte zwar meine wehrlose Jugend – aber das Blut der Norfolk empörte sich in mir: Du, eine geborene Fürstin, Emilie, rief es, und jetzt eines Fürsten Konkubine? – Stolz und Schicksal kämpften in meiner Brust, als der Fürst mich hieher brachte und auf einmal die schauderndste Szene vor meinen Augen stand. – Die Wollust der Großen dieser Welt ist die nimmersatte Hyäne, die sich mit Heißhunger Opfer sucht. – Fürchterlich hatte sie schon in diesem Lande gewütet – hatte Braut und Bräutigam zertrennt – hatte selbst der Ehen göttliches Band zerrissen – – hier das stille Glück einer Familie geschleift – dort ein junges unerfahrenes Herz der verheerenden Pest aufgeschlossen, und sterbende Schülerinnen schäumten den Namen ihres Lehrers unter Flüchen und Zuckungen aus – Ich stellte mich zwischen das Lamm und den Tiger; nahm einen fürstlichen Eid von ihm in einer Stunde der Leidenschaft, und diese abscheuliche Opferung musste aufhören.
FERDINAND (rennt in der heftigsten Unruhe durch den Saal): Nichts mehr, Mylady! Nicht weiter!
LADY: Diese traurige Periode hatte einer noch traurigern Platz gemacht. Hof und Serail wimmelten jetzt von Italiens Auswurf. Flatterhafte Pariserinnen tändelten mit dem furchtbaren Szepter, und das Volk blutete unter ihren Launen – Sie alle erlebten ihren Tag. Ich sah sie neben mir in den Staub sinken, denn ich war mehr Kokette als sie alle. Ich nahm dem Tyrannen den Zügel ab, der wollüstig in meiner Umarmung erschlappte – dein Vaterland, Walter, fühlte zum erstenmal eine Menschenhand [30] und sank vertrauend an meinen Busen. (Pause, worin sie ihn schmelzend ansieht.) O dass der Mann, von dem ich allein nicht verkannt sein möchte, mich jetzt zwingen muss, groß zu prahlen und meine stille Tugend am Licht der Bewunderung zu versengen! – Walter, ich habe Kerker gesprengt – habe Todesurteile zerrissen und manche entsetzliche Ewigkeit auf Galeeren verkürzt. In unheilbare Wunden hab ich doch wenigstens stillenden Balsam gegossen – mächtige Frevler in Staub gelegt und die verlorne Sache der Unschuld oft noch mit einer buhlerischen Träne gerettet – Ha, Jüngling! wie süß war mir das! Wie stolz konnte mein Herz jede Anklage meiner fürstlichen Geburt widerlegen! – Und jetzt kommt der Mann, der allein mir das alles belohnen sollte – der Mann, den mein erschöpftes Schicksal vielleicht zum Ersatz meiner vorigen Leiden schuf – der Mann, den ich mit brennender Sehnsucht im Traum schon umfasse –
FERDINAND (fällt ihr ins Wort, durch und durch erschüttert): Zu viel! zu viel! Das ist wider die Abrede, Lady. Sie sollten sich von Anklagen reinigen und machen mich zu einem Verbrecher. Schonen Sie – ich beschwöre Sie – schonen Sie meines Herzens, das Beschämung und wütende Reue zerreißen –
LADY (hält seine Hand fest): Jetzt oder nimmermehr. Lange genug hielt die Heldin stand – das Gewicht dieser Tränen musst du noch fühlen. (Im zärtlichsten Ton.) Höre, Walter – wenn eine Unglückliche – unwiderstehlich allmächtig an dich gezogen – sich an dich presst mit einem Busen voll glühender unerschöpflicher Liebe – Walter – und du jetzt noch das kalte Wort Ehre sprichst – wenn diese Unglückliche – niedergedrückt vom Gefühl ihrer Schande – des Lasters überdrüssig – heldenmäßig emporgehoben vom Rufe der Tugend – sich so – in deine Arme wirft (sie umfasst ihn, beschwörend und feierlich) – durch dich gerettet – durch dich dem Himmel wiedergeschenkt sein will, oder (das Gesicht von ihm abgewandt, mit hohler, bebender Stimme) deinem Bild zu entfliehen, dem fürchterlichen Ruf der Verzweiflung gehorsam, in noch abscheulichere Tiefen des Lasters wieder hinuntertaumelt –
FERDINAND (von ihr losreißend, in der schrecklichsten Bedrängnis): Nein, beim großen Gott! ich kann das nicht aushalten – Lady, ich muss – Himmel und Erde liegen auf mir – ich muss Ihnen ein Geständnis tun, Lady.
LADY (von ihm wegfliehend): Jetzt nicht! Jetzt nicht, bei allem, was heilig ist – in diesem entsetzlichen Augenblick nicht, wo mein zerrissenes Herz an tausend Dolchstichen blutet – Sei’s Tod oder Leben – ich darf es nicht – ich will es nicht hören. [31]
FERDINAND: Doch, doch, beste Lady. Sie müssen es. Was ich Ihnen jetzt sagen werde, wird meine Strafbarkeit mindern und eine warme Abbitte des Vergangenen sein – Ich habe mich in Ihnen betrogen, Mylady. Ich erwartete – ich wünschte, Sie meiner Verachtung würdig zu finden. Fest entschlossen, Sie zu beleidigen und Ihren Hass zu verdienen, kam ich her – Glücklich wir beide, wenn mein Vorsatz gelungen wäre! (Er schweigt eine Weile, darauf leise und schüchterner.) Ich liebe, Mylady – liebe ein bürgerliches Mädchen – Luisen Millerin, eines Musikus Tochter. (Lady wendet sich bleich von ihm weg, er fährt lebhafter fort.) Ich weiß, worein ich mich stürze; aber wenn auch Klugheit die Leidenschaft schweigen heißt, so redet die Pflicht desto lauter – Ich bin der Schuldige. Ich zuerst zerriss ihrer Unschuld goldenen Frieden – wiegte ihr Herz mit vermessenen Hoffnungen und gab es verräterisch der wilden Leidenschaft preis. – Sie werden mich an Stand – an Geburt – an die Grundsätze meines Vaters erinnern – aber ich liebe – Meine Hoffnung steigt um so höher, je tiefer die Natur mit Konvenienzen zerfallen ist. – Mein Entschluss und das Vorurteil! – Wir wollen sehen, ob die Mode oder die Menschheit auf dem Platz bleiben wird. (Lady hat sich unterdes bis an das äußerste Ende des Zimmers zurückgezogen und hält das Gesicht mit beiden Händen bedeckt. Er folgt ihr dahin.) Sie wollten mir etwas sagen, Mylady?
LADY (im Ausdruck des heftigsten Leidens): Nichts, Herr von Walter! Nichts, als dass Sie sich und mich und noch eine Dritte zugrund richten.
FERDINAND: Noch eine Dritte?
LADY: Wir können miteinander nicht glücklich werden. Wir müssen doch der Voreiligkeit Ihres Vaters zum Opfer werden. Nimmermehr werd ich das Herz eines Mannes haben, der mir seine Hand nur gezwungen gab.
FERDINAND: Gezwungen? Lady? Gezwungen gab? und also doch gab? Können Sie eine Hand ohne Herz erzwingen? Sie einem Mädchen den Mann entwenden, der die ganze Welt dieses Mädchens ist? Sie einen Mann von dem Mädchen reißen, das die ganze Welt dieses Mannes ist? Sie, Mylady – vor einem Augenblick die bewundernswürdige Britin? – Sie können das?
LADY: Weil ich es muss. (Mit Ernst und Stärke.) Meine Leidenschaft, Walter, weicht meiner Zärtlichkeit für Sie. Meine Ehre kann’s nicht mehr – Unsre Verbindung ist das Gespräch des ganzen Landes. Alle Augen, alle Pfeile des Spotts sind auf mich [32] gespannt. Die Beschimpfung ist unauslöschlich, wenn ein Untertan des Fürsten mich ausschlägt. Rechten Sie mit Ihrem Vater. Wehren Sie sich, so gut Sie können. – Ich lass alle Minen sprengen. (Sie geht schnell ab. Der Major bleibt in sprachloser Erstarrung stehn. Pause. Dann stürzt er fort durch die Flügeltüre.)

Sonntag, 18. Januar 2015

2. Akt VIERTE Szene Kabale und Liebe

Personen

  • Herr Miller
  • Frau Miller
  • Luise Miller

Inhalt 

In der Familie Miller herrscht große Aufregung, weil Wurm von der Liebelei zwischen Luise und Ferdinand erfahren hat. Miller ist in Eile und will dem Minister schnell alles berichten, bevor Wurm es tut. 
Luise erkennt das sie Probleme bekommt ( ich bin des Todes ). Frau Miller steht nach wie vor nicht hinter ihrem Mann und versucht ihn zu beschwichtigen und die Situation zu verharmlosen. 



Interpretation

Am Verhalten und an der Reaktion der Millers kann man sehr deutlich die Angst der unteren Schichten vor der Macht der Obrigkeit ablesen. Die Millers sind sehr besorgt darüber welche Reaktion sie zu erwarten haben, da Luise sich mit Ferdinand eingelassen hat. Herr Miller muss sich vor seinem Gang auf den Hof erst einmal umziehen, das ist ein Zeichen das ihm die höfische Kultur  nicht zur zweiten Haut gereicht, sondern das es sich um eine Art Verkleidung handelt. 

VIERTE SZENE

Zimmer beim Musikanten.
Miller, Frau Millerin, Luise treten auf.
MILLER (hastig ins Zimmer): Ich hab’s ja zuvor gesagt!
LUSIE (sprengt ihn ängstlich an): Was, Vater, was?
MILLER (rennt wie toll auf und nieder): Meinen Staatsrock her – hurtig – ich muss ihm zuvorkommen – und ein weißes Manschettenhemd! – Das hab ich mir gleich eingebildet!
LUSIE: Um Gotteswillen! Was?
Millerin: Was gibt’s denn? was ist’s denn?
MILLER (wirft seine Perücke ins Zimmer): Nur gleich zum Friseur das! – Was es gibt? (Vor den Spiegel gesprungen.) Und mein Bart ist auch wieder fingerslang – Was es gibt? – Was wird’s geben, du Rabenaas? – Der Teufel ist los, und dich soll das Wetter schlagen.
FRAU: Da sehe man! Über mich muss gleich alles kommen.
MILLER: Über dich? Ja, blaues Donnermaul, und über wen anders? Heute früh mit deinem diabolischen Junker – Hab ich’s nicht im Moment gesagt? – Der Wurm hat geplaudert.
FRAU: Ah was! Wie kannst du das wissen?
MILLER: Wie kann ich das wissen? – Da! – unter der Haustüre spukt ein Kerl des Ministers und fragt nach dem Geiger.
LUSIE: Ich bin des Todes.
MILLER: Du aber auch mit deinen Vergißmeinnichtsaugen! (Lacht voll Bosheit.) Das hat seine Richtigkeit, wem der Teufel ein Ei in die Wirtschaft gelegt hat, dem wird eine hübsche Tochter geboren – Jetzt hab' ich’s blank!
FRAU: Woher weißt du denn, dass es der Luise gilt? – Du kannst dem Herzog rekommendiert worden sein. Er kann dich ins Orchester verlangen.
MILLER (springt nach seinem Rohr): Dass dich der Schwefelregen von Sodom! – Orchester! – Ja, wo du Kupplerin den Diskant wirst heulen und mein blauer Hinterer den Konterbass [33] vorstellen. (Wirft sich in seinen Stuhl.) Gott im Himmel!
LUISE (setzt sich totenbleich nieder): Mutter! Vater! Warum wird mir auf einmal so bange?
MILLER (springt wieder vom Stuhl auf): Aber soll mir der Dintenkleckser einmal in den Schuss laufen! – Soll er mir laufen! Es sei in dieser oder in jener Welt – Wenn ich ihm nicht Leib und Seele breiweich zusammendresche, alle zehen Gebote und alle sieben Bitten im Vaterunser und alle Bücher Mosis und der Propheten aufs Leder schreibe, dass man die blauen Flecken bei der Auferstehung der Toten noch sehen soll –
FRAU: Ja! fluch du und poltre du! Das wird jetzt den Teufel bannen. Hilf, heiliger Herregott! Wohinaus nun? Wie werden wir Rat schaffen? Was nun anfangen? Vater Miller, so rede doch! (Sie läuft heulend durchs Zimmer.)
MILLER: Auf der Stell zum Minister will ich. Ich zuerst will mein Maul auftun – ich selbst will es angeben. Du hast es vor mir gewusst. Du hättest mir einen Wink geben können. Das Mädel hätt sich noch weisen lassen. Es wäre noch Zeit gewesen – aber nein! – Da hat sich was makeln lassen; da hat sich was fischen lassen! Da hast du noch Holz obendrein zugetragen! – Jetzt sorg auch für deinen Kuppelpelz. Friss aus, was du einbrocktest. Ich nehme meine Tochter in Arm, und marsch mit ihr über die Grenze.

Samstag, 17. Januar 2015

2. Akt FÜNFTE Szene Kabale und Liebe

Personen

  • Ferdinand
  • Luise 
  • Miller 
  • Frau

Inhalt 

Ferdinand kommt herbei und fragt ob sein Vater bei den Millers gewesen sei. Luisa ist erschocken und sieht sich schon in großer Not. Ferdinand will gehen, Frau Miller äußert ihre Angst vor dem Präsidenten. Sie befürchtet, dass er sie und ihre Familie misshandelt. Ferdinand weißt diese Sorge zurück, er sieht in seinem Vater nicht den allmächtigen Herrscher. Ferdinand betont noch mal wie sehr er Luise liebt.

Interpretation

Auch in dieser Szene wird wieder deutlich wie viel Angst die Millers vor dem Präsidenten haben: Als Ferdinand fragt, ob sein Vater dagewesen sei ist die Familie Miller ausnahmslos in höchster Sorge. Nun ist auch die Mutter von der Angst ergriffen und fragt, äußert Sorge um Leib und Leben.

Diese Szene zeigt die Konflikte innerhalb der Familie und auch die verschiedenen Gesellschaftsschichten. 


FÜNFTE SZENE

Ferdinand von Walter stürzt erschrocken und außer Atem ins Zimmer. Die Vorigen.
FERDINAND: War mein Vater da?
LUISE (fährt mit Schrecken auf): Sein Vater! Allmächtiger Gott!
FRAU (schlägt die Hände zusammen): Der Präsident! Es ist aus mit uns!
MILLER (lacht voller Bosheit): Gottlob! Gottlob! da haben wir ja die Bescherung!
FERDINAND (eilt auf Luisen zu und drückt sie stark in die Arme): Mein bist du, und wärfen Höll und Himmel sich zwischen uns.
LUISE: Mein Tod ist gewiss – Rede weiter – Du sprachst einen schrecklichen Namen aus – Dein Vater? [34]
FERDINAND: Nichts. Nichts. Es ist überstanden. Ich hab dich ja wieder. Du hast mich ja wieder. O lass mich Atem schöpfen an dieser Brust. Es war eine schreckliche Stunde.
LUISE: Welche? Du tötest mich!
FERDINAND (tritt zurück und schaut sie bedeutend an): Eine Stunde, Luise, wo zwischen mein Herz und dich eine fremde Gewalt sich warf – wo meine Liebe vor meinem Gewissen erblasste – wo meine Luise aufhörte, ihrem Ferdinand alles zu sein – –
LUISE (sinkt mit verhülltem Gesicht auf den Sessel nieder).
FERDINAND (geht schnell auf sie zu, bleibt sprachlos mit starrem Blick vor ihr stehen, dann verlässt er sie plötzlich, in großer Bewegung): Nein! Nimmermehr! Unmöglich, Lady! Zu viel verlangt! Ich kann dir diese Unschuld nicht opfern – Nein, beim unendlichen Gott! ich kann meinen Eid nicht verletzen, der mich laut wie des Himmels Donner aus diesem brechenden Auge mahnt – Lady, blick hieher – hieher, du Rabenvater – Ich soll diesen Engel würgen? Die Hölle soll ich in diesen himmlischen Busen schütten? (Mit Entschluß auf sie zueilend.) Ich will sie führen vor des Weltrichters Thron, und ob meine Liebe Verbrechen ist, soll der Ewige sagen. (Er fasst sie bei der Hand und hebt sie vom Sessel.) Fasse Mut, meine Teuerste! – Du hast gewonnen. Als Sieger komm ich aus dem gefährlichsten Kampf zurück.
LUISE: Nein! Nein! Verhehle mir nichts. Sprich es aus, das entsetzliche Urteil. Deinen Vater nanntest du? Du nanntest die Lady? – Schauer des Todes ergreifen mich – Man sagt, sie wird heuraten.
FERDINAND (stürzt betäubt zu Luisens Füßen nieder): Mich, Unglückselige!
LUISE (nach einer Pause, mit stillem, bebenden Ton und schrecklicher Ruhe): Nun – was erschreck ich denn? Der alte Mann dort hat mir’s ja oft gesagt – ich hab es ihm nie glauben wollen. (Pause. Dann wirft sie sich Millern laut weinend in den Arm.). Vater, hier ist deine Tochter wieder – Verzeihung, Vater – Dein Kind kann ja nicht dafür, dass dieser Traum so schön war, und – – so fürchterlich jetzt das Erwachen – –
MILLER: Luise! Luise! – O Gott, sie ist von sich – Meine Tochter, mein armes Kind – Fluch über den Verführer! – Fluch über das Weib, das ihm kuppelte!
FRAU (wirft sich jammernd auf Luisen): Verdien ich diesen Fluch, meine Tochter? Vergeb’s Ihnen Gott, Baron – Was hat dieses Lamm getan, dass Sie es würgen? [35]
FERDINAND (springt an ihr auf, voll Entschlossenheit): Aber ich will seine Kabalen durchbohren – durchreißen will ich alle diese eisernen Ketten des Vorurteils – Frei wie ein Mann will ich wählen, dass diese Insektenseelen am Riesenwerk meiner Liebe hinaufschwindeln. (Er will fort.)
LUISE (zittert vom Sessel auf, folgt ihm): Bleib! Bleib! Wohin willst du? – Vater – Mutter – in dieser bangen Stunde verlässt er uns?
FRAU (eilt ihm nach, hängt sich an ihn): Der Präsident wird hieherkommen – Er wird unser Kind misshandeln – Er wird uns misshandeln – Herr von Walter, und Sie verlassen uns?
MILLER (lacht wütend): Verlässt uns! Freilich! Warum nicht? – Sie gab ihm ja alles hin! (Mit der einen Hand den Major, mit der andern Luisen fassend.) Geduld, Herr! der Weg aus meinem Hause geht nur über diese da – Erwarte erst deinen Vater, wenn du kein Bube bist – Erzähl es ihm, wie du dich in ihr Herz stahlst, Betrüger, oder bei Gott! (ihm seine Tochter zuschleudernd, wild und heftig) Du sollst mir zuvor diesen wimmernden Wurm zertreten, den Liebe zu dir so zu Schanden richtete.
FERDINAND (kommt zurück und geht auf und ab in tiefen Gedanken): Zwar die Gewalt des Präsidenten ist groß – Vaterrecht ist ein weites Wort – der Frevel selbst kann sich in seinen Falten verstecken, er kann es weit damit treiben – Weit! – Doch aufs Äußerste treibt’s nur die Liebe – Hier, Luise! Deine Hand ist die meinige! (Er fasst diese heftig.) So wahr mich Gott im letzten Hauch nicht verlassen soll! – Der Augenblick, der diese zwo Hände trennt, zerreißt auch den Faden zwischen mir und der Schöpfung.
LUISE: Mir wird bange! Blick weg! Deine Lippen beben. Dein Auge rollt fürchterlich –
FERDINAND: Nein, Luise. Zittre nicht. Es ist nicht Wahnsinn, was aus mir redet. Es ist das köstliche Geschenk des Himmels, Entschluss in dem geltenden Augenblick, wo die gepresste Brust nur durch etwas Unerhörtes sich Luft macht – Ich liebe dich, Luise – Du sollst mir bleiben, Luise – Jetzt zu meinem Vater! (Er eilt schnell fort und rennt – gegen den Präsidenten.)